Die Chancen im Ende der Privatsphäre
Ein großer Aufreger der letzten Tage war die von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg getätigte Aussage, dass die Privatsphären-Änderungen, die kürzlich vorgenommen wurden, die Entwicklung der Gesellschaft wiederspiegelten, mithin Privatsphäre nicht mehr so wichtig sei. Konkret damit gemeint ist, dass nun von jedem Facebook-Mitglied Foto, Name, Geschlecht, Wohnort (aber nur die Stadt), Freundesliste, Gruppen und Seiten (bei denen man Fan ist) standardmäßig öffentlich angezeigt werden und Postings standardmäßig für alle sichtbar sind. Das Video dazu gibt es hier:
Nun lässt sich über diese Argumentation sicher streiten, Marshall Kirkpatrick hat z.B. Zuckerbergs Argumentation bei ReadWriteWeb recht scharfsinnig angegriffen. Was Zuckerberg inhaltlich sagt und was Facebook da gemacht hat, finde ich aber gar nicht so problematisch. In dieser Entwicklung liegen auch Chancen. Z.B. die Chance, dass sich eine gesellschaftliche Kultur der Umgangsformen entwickelt, dass die Menschen im Netz einen Konsens finden was sich gehört und was nicht. Ich muss bei diesem Punkt immer an holländische Wohnhäuser denken. Wer dieses Land schonmal besucht hat weiß, dass auffällig oft sehr große Fensterseiten zur Straße hin und fast nie von Vorhängen verdeckt Einblick in die Wohnzimmer der Menschen geben. Bloß: bis auf staunende Touristen kuckt da niemand rein. Man könnte zwar (und es gibt sicher Ausnahmen), aber es gehört sich nicht. Genauso könnte es im Netz laufen. Man kann so einiges über Mitmenschen herausfinden, aber es gehört sich nicht.
Darüber hinaus bietet diese Entwicklung die Chance, mehr Sensibilität für dieses Thema zu entwickeln und dadurch zum eigenständigeren und bewussteren Netzbürger zu werden (dazu gehört auch ein bisschen technisches KnowHow, also etwa der Umgang mit den Listen bei Facebook). Facebook ist kein geschlossener Club, sondern eine sehr große und öffentliche Veranstaltung. Wenn ich auf einer öffentlichen Veranstaltung bin, lege ich mir jedoch auch eine Reihe von Verhaltensregeln auf. Ich spare etwa gewisse Themen aus, weil Menschen zuhören, die ich gar nicht so gut kenne (und die es weitertratschen können). Und ähnlich verhält es sich in einem Social Network. Ich muss einfach grundsätzlich damit rechnen, dass ein Unbefugter zuhört, wenn ich im öffentlichen Raum (also via Postings) kommuniziere. Das lässt sich noch etwas steuern, bei Facebook über die Listen-Funktion. Allerdings ist auch das keine geschlossene Gesellschaft, man muss immer damit rechnen, dass jemand am Fenster sitzt und lauscht, um zu meinem Bild zurückzukehren. Listen sind übrigens auch ein Mittel der Höflichkeit, denn man kann damit versuchen einen Post nur denen zukommen zu lassen, die sich vermutlich dafür interessieren (und vermeiden, dass nicht Interessierte genervt werden). Und will ich in meiner Kommunikation sehr privat werden, kann ich mich ja in einen geschützten Raum zurückziehen und eine private Nachricht schreiben (oder einfach telefonieren). Also kein Grund zur Aufregung, sondern vielmehr ein Grund, das digitale Ich bewusst zu gestalten.



Es gibt so einiges, was sich eigentlich nicht gehört. Doch wenn das Benehmen dem Erfolg und dem Profit im Wege sehen, dann wird es aus dem Wege geräumt. Potentielle Arbeitgeber grasen doch heutzutage schon das Internet ab um mehr über mögliche Arbeitnehmer in Erfahrung zu bringen. Es gibt wiederum Firmen, die sich darum kümmern, daß ein Arbeitnehmer im Internet besser "wegkommt". Sie sorgen für die nötigen Löschungen und Positivmeldungen. Wahrscheinlich besteht das Sozial-Internet demnächst nur noch aus "frisierten" Profilen. Alles nur noch geschönte Masken, die es so in der Realität gar nicht gibt.
Verstehe Dich nur bedingt, diesen Arbeitnehmeraspekt. Ich bin in ziemlich vielen Networks sichtbar und aktiv, Profile von mir sind grundsätzlich einsehbar. Ich habe bei meinen letzten Bewerbungen sogar einen eigenen Absatz gehabt, in dem ich alle aufgelistet habe, um meine Network-Kompetenz zu demonstrieren und es hat mir eher genutzt als geschadet.
Wenn Du natürlich während einer Krankschreibung ein Bild von Dir am Baggersee postest, oder (halb-)öffentlich über Dein Unternehmen herziehst - nunja. Dann schadet es Dir natürlich.
Und das hat in der Tat eine Menge mit Selbstvermarktung zu tun und sobald vermarktet wird, gibt es einen Markt. Dem kann ich nicht widersprechen.
@ Martin
Da hast Du etwas sehr Interessantes angestoßen. Du meinst also, dass später nur noch geschönte Profile existieren? Sowas in der Art gibt es doch heute schon. Es gibt Bewerbungsseminare, es gibt Seminare, in denen Bewerbern erzählt wird, wie sie sich während des Gespräches verhalten sollen und Seminare für Personalverantwortliche, worauf sie beim Bewerber während des Gesprächs achten sollen.
Eigentlich wäre das, was Du da skizzierst, nur eine konsequente Fortführung dessen, was es schon gibt.
An sich sehe ich es eher als positiv an, wenn auch Internetkompetenz wahrgenommen wird. Irgendwann werden wir ja eher das Problem haben, dass sich Leute fragen lassen müssen, warum sie denn selbst nichts täten.
M.E. liegt das Problem einmal bei Stalkern und im "Gedächtnis" des Internets. Stalker kümmern sich nicht um Regeln, wenn sie (aus teilweise nur psychologisch zu erfassenden Gründen) jemanden angehen. Nicht alle können sich da z.B. gegen üble Nachrede wehren.
Und wenn z.B. ein 16jähriger mal extreme Ansichten kundgetan hat oder die Oben-Ohne-Bilder der 19jährigen vom fiesen Exfreund eingestellt worden sind, kann das Leute sehr lange verfolgen.
An sich teile ich schon eine positive Perspektive, aber wir sollten die Leute nicht vergessen, für die das alles Neuland ist oder die auch einfach mal Fehler machen. Ich hoffe, dass sich Regeln entwickeln - und Mechanismen, diese dann auch gegen Mißbrauch des Internets durchzusetzen.
Ich schließe mich der Meinung von Herrn Blume an.
Für die meisten Erwachsenen ist es meist kein Problem, sich auch im Internet korrekt zu verhalten.
Aber besonders im jugendlichen Alter sucht man noch die polarisierende Auseinandersetzung, indem man teilweise extreme Positionen vertritt - um andere zu provozieren. Dies ist ein Teil des Lernprozesses beim Erwachsen werden - und es kann sein, dass man kurz darauf selbst erkennt, dass die eigene Meinung ein Unsinn ist.
Da aber im Internet auch jeder Unsinn dauerhaft gespeichert wird, kann ein unüberdachter Blödsinn die ganze zukünftige Karriere gefährden.
Aus diesem Grund ist die Privatsphären-Veröffentlichung sehr problematisch und sollte erst ab dem Erwachsenenalter gelten, wenn man die Konsequenzen seines eigenen Handelns realistischer einschätzen kann.
Es sind noch viel mehr Bereiche von diesem Wandel betroffen. Eigentlich alle Bereiche sozialer Interaktion. Passend dazu hat Martin Weigert gestern bei netzwertig den Einfluss von Facebook auf Liebesbeziehungen beschrieben: http://netzwertig.com/...nmenschliche-beziehungen/