Eine Sache des besseren Ökosystems
von Michael Völker, 08. Dezember 2009, 22:33
So einen Sandkasten kann man auch »Ökosystem« nennen. Und während es früher darum ging, die tollsten Werkzeuge zu bauen und unters Volk zu bringen geht heute im Netz alles um Ökosysteme. Einige Beispiele:
- Das iPhone ist nur deshalb so erfolgreich, weil Apple als erstes Unternehmen der westlichen Welt ein Ökosystem für Entwickler geschaffen hat, auf dem sich die Apps entwickeln konnten, die das iPhone so erfolgreich gemacht haben. Wir sind den Asiaten nur deshalb so weit hinterher, was die Mobile-Nutzung angeht, weil die das schon vor Jahren kapiert und Ökosysteme für Entwickler bereit gestellt haben. Den Markt wird nicht der mit der heißesten Hardware, sondern der mit dem fruchtbarsten Ökosystem beherrschen.
- Google Wave ist nicht als Programm angedacht, das verkauft werden soll. Sicher, auch hier wird die Werbefinanzierung eine wichtige Rolle spielen. Zentrales Element jedoch ist Google Wave als Plattform für Widget-Entwickler, die über die Google API die tollsten Sachen machen können (und machen werden). Die Waves sind nur Träger, die Vegetation entsteht darauf. Deshalb auch die frühe Öffnung des Quellcodes. Google will nur den Sandkasten in seinem Garten haben und es soll ein möglichst guter Sandkasten sein, alles andere kommt von alleine.
- Ein schönes, kleines Beispiel für die Organik, die schon ein Mini-Sandkasten entwickeln kann, sind die Gruppen im studiVZ. Ursprünglich gedacht als Diskussionsgruppen wurden sie von vielen Nutzern einfach umfunktioniert. Heute dienen Gruppen oftmals zur schlichten Proklamation von Aussagen, die dann durch Beitreten in die Gruppe gewissermaßen unterschrieben und zur Charakterisierung der eigenen Persönlichkeit benutzt werden.
- FarmVille ist mit nun schon 70 Millionen aktiven Usern pro Monat nicht nur das größte Spiel der Welt, weil es so schön bunt oder gar originell ist. Dass es einem klassischen Aufbaustrategiespiel nachempfunden ist, ist kein Zufall (ach wenn das so sicher nicht geplant war). Gib dem Spieler einen virtuellen Raum, gib ihm Spielzeug und eine gewisse Organik und er sitzt wieder im Sandkasten. Wieder ein Ökosystem. Und viel erfolgreicher als Sportspiele, Actionspiele usw. Das ist übrigens im Asien nicht anders.
- Der Erfolg von Twitter verdankt sich ebenfalls der Schnittstelle, die die Entwicklung eines Ökosystems erlaubte, von Anwendungen wie TwitPic bis zu all den Clients wie Tweetie oder Tweetdeck. Und der von facebook natürlich ebenfalls, das VZ zieht ja jetzt nach.
- Location based services und augmented reality verknüpfen nicht nur die digitale mit der physischen Welt, die bieten zudem die Möglichkeit, die ganze Welt zum Sandkasten zu machen - und deshalb wird diesen Dingen zurecht ein derart großes Potential zugesprochen.
In allen Bereichen geht es heute darum, wer das bessere Ökosystem zur Verfügung stellt. Nicht wer die besseren Schaufeln und Eimer macht.
Bildquelle: Dieter Schütz (PIXELIO)



Du verstehst es ganz hervorragend, die Dinge so zu beschreiben, dass das auch jemand begreift, der mehr Nutzer des Ganzen sein möchte (im Gegensatz zu Entwicklern oder denen, die sich damit beschäftigen).
Das Beispiel mit dem Sandkasten und dem Werkzeug ist wirklich total passend.
Danke : )
Hi Michael,
1. Sind die SciLogs ein "Ökosystem"?
2. Wenn ja - was macht sie dazu? Wenn nein - was fehlt?
:-)
LG
C
Klar - mit einigen Einschränkungen natürlich. Der Sandkasten darunter ist LifeType und das Werkzeug der Verlag. Daraus entstanden ist der SciLogs-Garten, der viele kleine Sandkästen enthält. Die sind dann strenger reglementiert, was die Potenz der Ökosysteme (in denen die Blogger wachsen und gedeihen) natürlich beschränkt.
Auf der Metaebene stehen sich verschiedene Interessen gegenüber. Z.B. optische Gestaltungsfreiheit versus CI oder technische Gestaltungsfreiheit versus Bedienungskomfort. Die schlichte These, dass mehr Freiheit mehr Wachstum bringt, ist zwar naheliegend, aber natürlich nicht bedingungslos haltbar, weil Wildwuchs wohl dem Gesamtnutzen abträglich sein dürfte.
Optimierung könnte man deshalb als die zielgruppenspezifische Einschränkung oder Ausweitung der gegebenen Freiheit in Relation zum Gesamtnutzen definieren (Arbeitshypothese).