Social Games sind das neue Twitter
Jedesmal, wenn ich wieder einen Artikel lese, in dem mit einer Mischung aus Angst und Verachtung vor der Sinnlosigkeit und Gefahr von Spielen in Form von Social Games gewarnt wird, könnte ich an die Decke gehen. Da gab es kürzlich bei ZEIT online einen Artikel Namens »Abzocke auf Facebook, Twitter und MySpace«, der trotz inhaltlicher Fehler vom Handelsblatt eins zu eins übernommen. Und eben lese ich, wie die eigentlich von mir geschätzte Ulrike Langer mit einem »Werden Sie bloß nicht schwach!« betitelten Post in die selber Kerbe schlägt. Fünf Anmerkungen dazu.
1. Irgendwie kommt es einem doch bekannt vor. Da taucht im Netz ein neues Phänomen auf. Eine beträchtliche Menge von Menschen nutzen es, bloß nicht die Berichterstatter. Dennoch und gerade deswegen wird gewettert und gewarnt. So war das bei Twitter (und natürlich dem Netz selbst). Und genauso ist es jetzt bei den Social Games, bloß dass sich der Kreis der Berichterstatter um eine Reihe von Bloggern erweitert hat. Keiner der genannten Autoren hat sich eines der betroffenen Spiele länger als fünf Minuten angesehen, das sieht man schon an den Screenshots, die die Artikel schmücken. Gerade von Bloggern hatte ich gedacht sie wüssten am Ehesten, dass ohne selber machen ein Urteil kaum möglich ist.
2. Aus dieser Inkompetenz rührt dann die Vermischung aller Spielenamen, die die Damen und Herren mal aufgeschnappt haben. Das unselige Mafia Family, das eine zeitlang bei Twitter für Ärger sorgte, wird vermischt mit FarmVille, dem größten und erfolgreichsten Social Game der Welt mit inzwischen 60 Millionen Mitspielern. Abgesehen davon, dass das Vermischen von schwarzen Schafen mit der »friedlichen Masse« natürlich unzulässig ist stellt sich hier auch die Frage, wo »Social Games« überhaupt anfangen und wo sie aufhören. Assasins Creed 2 z.B. hat eine Facebook-Connect-Anbindung, zumindest tauchen regelmäßig Erfolgsmeldungen aus diesem auf einer Konsole gespielten Spiel in meinem Stream auf. Das macht das Spiel auch ein wenig »social«. Und das scheint für viele etwas Schlimmes zu sein. Man könnte sich ja auch freuen, dass das Spielen mit der sozialen eine native Komponente zurückerhält.
3. Aus dem Staunen gar nicht mehr heraus komme ich, wenn in diesen Beiträgen von »Zeit verschwenden« und Ähnlichem die Rede ist. Spielen soll Zeitverschwendung sein?! Ja, jede Beschäftigung kann übertrieben werden und negativ ausarten, zum Beispiel Arbeit (»Workoholics«). Ich denke ich muss keinen Aufsatz zur Bedeutung des Spiels schreiben, um die Bedeutung des Spiels klar zu machen. Durch das Spielen lernen Löwenbabys jagen, Menschenkinder malen und schreiben. Durch das Spiel schult man den Geist, zerstreut sich und interagiert mit dem sozialen Umfeld. Schach, Mensch ärgere Dich nicht, Maumau - gab es da eigentlich auch einen Aufschrei ob der Zeitverschwendung?
4. Es ist das normalste der Welt, dass ein Spiel als ökonomisches Produkt versucht, Gewinn zu erwirtschaften. Deshalb feilen die Entwickler an Mechanismen die dazu führen, dass Spieler mehr Geld auszugeben. Freizeitparks machen das, Supermärkte usw. Im Falle der Social Games wird derzeit versucht, die Spieler dafür zu belohnen, mehrmals am Tag vorbeizukucken. Sonst stirbt ein Fisch oder es wird etwas geklaut. Das soll dazu anregen, sich stärker mit dem Spiel zu identifizieren, auf dass man ein paar Euro in virtuelle Güter stecken möge. Und diese Transaktionen - ich habe das schon mehrfach ausprobiert - funktionieren überwiegend tadellos. Die Menschen werden ganz alleine regeln, wie weit die Entwickler gehen dürfen. Gehen sie zu weit, werden alle auf ein anderes Spiel wechseln, die Auswahl ist reichlich.
5. Und ein letzter Punkt: wenn ich an einem Abend fünf Euro in virtuelle Güter investiere, ob bei FarmVille, World of Warcraft oder Little Big Planet und einen schönen Abend habe. Und dann kommt jemand, der gerade für 30 Euro in der Oper war und erzählt mir, ich habe mein Geld zum Fenster rausgeschmissen, er das seinige gut angelegt, obwohl beide Male keine physischen Güter erworben wurden, sondern durch das Ausgaben von Geld ein Lustgewinn erzeugt wurde - dann ist das einfach nur arrogant denn es heißt nichts Anderes als »Ich weiß was gut ist und Du nicht - Warum? - Darum!«.



Trotzdem muss ich als genervter Twitter- und Facebook-Nutzer widersprechen. Social Games sind nicht das neue Twitter, sondern eher Genitalherpes 2.0 oder so. Besonders Farmville. ;-)
"...Und dann kommt jemand, der gerade für 30 Euro in der Oper war und erzählt mir, ich habe mein Geld zum Fenster rausgeschmissen, er das seinige gut angelegt, obwohl beide Male keine physischen Güter erworben wurden ..."
Das finde ich einen sehr interessanten Gedankengang :) Den werde ich mir sofort merken.
Sehr schöner Beitrag, dem ich als Farmville- und ehemaliger WoW-Spieler nichts hinzufügen kann.
Was mir aber noch zu Lars einfällt: Man kann die Farmville-Meldungen auch unterdrücken, sodass man seinen Freunden da nicht auf die Nüsse geht. So mach ich das. Und wenn es sich so großer Beliebtheit erfreut. Warum nicht? Wird ja niemand gezwungen es zu spielen^^
Ne Lars, das ist genau diese Kulturarroganz. Klar, die Branche probiert gerade viel aus und nicht alles davon ist toll. Aber es gibt einen natürlichen Ausleseprozess. Wenn z.B. alle nervige Statusupdates eines Spiels verbergen wird der Entwickler irgendwann Konsequenzen ziehen.
Die MafiaWars bin ich immerhin schon weitgehend losgeworden. Es besteht also noch Hoffnung.
@Michael: Die Entwickler wird es völlig kalt lassen, ob sich andere User durch die Updates genervt fühlen oder nicht. Für sie sind alle Updates, die sichtbar bleiben, immerhin Werbung. Und Werbung hat _immer_ etwas Billiges und Aufdringliches an sich.
Ich stimme Dir zu, daß über den Wert der verschiedenen Arten, sich zu zerstreuen, niemandem ein Urteil zusteht. Daß aber Unbeteiligte, die dieser Gameskrempel nicht interessiert, ebenfalls damit genervt werden, ist ein zweiter wichtiger Aspekt, der zum dem eingangs von Dir beschriebenen abwertenden Urteil sicher auch beigetragen hat.
Ein Opernbesucher hat evtl. keinen größeren Lustgewinn als ein FarmVille-User. Aber er schmeißt mir immerhin nicht tonnenweise Theaterprospekte vor die Haustür - was mir die Oper direkt ungleich sympathischer macht. ;-)
...Ich habe in letzter Zeit auf Twitter auch schon Leute entfolgt, die alle Naselang irgendwelche neuen Levels in Spiel XYZ gepostet haben. Es nervt einfach. Ich werte damit das Spiel an sich nicht ab (wie auch - ich kenne die ja alle gar nicht), aber ich kann schon verstehen, daß die Dinger bei Nicht-Spielern ein mieses Image haben.
Ich erinnere mich noch an die "Sorge" Älterer, als wir Jugendlichen damals Pen & Paper-mäßig Schwarzes Auge, AD&D und Shadowrun spielten. Als "Master" (Spielleiter) war ich sogar besonders verdächtig... Hach, herrliche Zeiten! ;-)
Heute beklagen die gleichen Leute, dass die Jungen "nur noch" online spielen. Ein paar Jahrzehnte davor war es der Fernseher, davor die Comics, noch davor die Romane. Jede Neuerung wird erst einmal als Bedrohung, Zeitverschwendung etc. empfunden.
Befürchtungen habe ich deswegen aber nicht, denn letztlich hat dies Entwicklungen nie aufgehalten. Pragmatisch gesehen war es sicher auch gut, dass jede Boomphase auch von Reflektionen begleitet war (wie diesem sehr guten Blogpost!). Und wollen wir denn wirklich in einer Gesellschaft leben, in dem es keine Reibungen zwischen den Generationen (inkl. "alter Junger" und "junger Alter") und Subkulturen mehr gibt?
Wenn wir es mit unseren (wenigen) Kindern und Enkeln gut meinen, werden wir auch für sie sorgenvoll die Stirn in Falten legen und uns dann doch eines Besseren belehren lassen. :-)
@Ute Wie schon gesagt, es lässt sich ja ausblenden, oder der Kontakt lösen. Wenn mir im »echten« Leben jemand auf die Nerven geht, weil er ständig von etwas spricht, dass mich nicht interessiert, werde ich ihn nicht mehr zu meinen Partys einladen : ) Ich habe auch schon Freunden, die ich nicht gleich ausblenden wollte, eine Nachricht geschrieben und sie darauf hingewiesen, dass es nervt.
Und geben tut es diesen Mechanismus ja nur, weil er funktioniert! Würden alle ausblenden oder alle es doof finden, würden sie zu einem anderen Spiel wechseln. Aber viele haben ja ganz im Gegenteil sogar Spaß daran, den Stream als Teil des Spiels anzusehen.
Und @Michael Blume: Weise Worte : ) Und DSA habe ich auch noch gespielt, jetzt passiert das Gleiche eben Online (Spielprinzip) oder auch nur digital (DSA Drakensang)
Ich finde halt, das sollte eher eine Opt-In-Sache sein, statt Opt-Out. Wie bei Telefonwerbung auch. Was so aufdringlich rüberkommt, macht sich eben auch gerne mal unbeliebt. ;-)
Wo bitte landet das Geld für virtuelle Güter? Was ist die Gegenleistung?
»Was so aufdringlich rüberkommt, macht sich eben auch gerne mal unbeliebt« Ersetze Was durch Wer und ich stimme zu. Und entsprechend ist Dein Opt-In das Followen oder die Bestätigung einer Freundschftsanfrage.
Na bei den Firmen die sie verkaufen ; ) Also im Falle von FarmVille landen etwa 5 Euro beim Entwickler und Publisher Zynga. Dafür gibt's »Spielgeld« (in anderen Spielen auch direkt Gegenstände) und dafür gibt es spezielle Gegenstände, mit denen die Farm aufgemotzt werden kann. Ich kaufe in diesem Modell ein Spiel gewissermaßen Modul-artig.
... da fühle ich mich alt. So alt.
Beim Artikel selbst komme ich ja noch einigermaßen mit.
Aber beim Lesen der Kommentare, da steigt in mir nur noch ein großes "Hä?" auf
Generationenkluft. Unbedingt. Aber vielleicht liegt es auch an mit selbst. Ich hab' ja damals noch nicht mal an meinem C64 gedaddelt.
Allerdings urteile ich wenigstens auch nicht über die Sachen, die ich in diesem Leben eh nicht mehr kapiere. :-)
Dem schließe ich mich an. Das letzte Computerspiel, das ich exzessiv gespielt habe, war Joint Operations. Jetzt zocke ich höchstens mal ein Retrospiel, wie Asteroids. Das hat eine ganz erstaunliche Flugphysik: http://www.neave.com/games/asteroids/ So was kennt doch die Jugend gar nicht mehr ;-)
die social games machen doch nur ein neues geschäftsmodell offenbar: verschenke die lampen, verkaufe das öl. das hatten schon die alten römer drauf. und ich als software entwickler sehe da große chancen. der "entry level" ist extrem niedrig (jeder kann das game anspielen für "lau") und wer seinen status pushen oder trophäen jagen will, kann dazukaufen.
und diese opt-in opt-out debatte finde ich absurd - letztlich sogar überflüssig. denn sie läuft darauf hinaus, dass es scheinbar menschen gibt, die nicht mehr das wichtige vom unwichtigen filtern können (farmiville, mafia wars, usw. meldungen lassen sich bestens überlesen).
und diese debatte ins echte leben auf echt menshen zu übertragen führt zu einem meiner lieblingsthemen: nämlich der falsch verstandenen political corrctness. ein einfaches "halt doch mal die klappe" hat in der vergangenheit wunder gewirkt, und wird es auch hoffentlich bald tun.
"neues geschäftsmodell" ist natürlich mumpitz. die römer kannten es ja bereits :-) aber ich denke, mein punkt kommt trotzdem rüber...