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Die Schattenseiten des Erfolgs...

von Rainer Gerhards, 16. Februar 2010, 15:42

Nein, ich will mich ja gar nicht wirklich beschweren - aber Erfolg hat nun einmal auch Schattenseiten, auch im Open Source Umfeld. Ach ja, worum geht es eigentlich? Vor einigen Jahren habe ich begonnen, einen kleinen Protokollierungsdienst, rsyslog genannt, zu entwickeln. Was das genau ist, müssen wir hier an dieser Stelle gar nicht wissen. Grob gesagt zeichnet er auf, was sich auf einem Linux-Rechner so alles tut (wer sich anmeldet, welche Platten kaputt gehen, ...).

Interessanter ist, dass es damals (2004?) genau zwei Vertreter dieser Gattung gab: den ehrwürdigen sysklogd, der schon seit Jahren nicht mehr weiter entwickelt wurde und der Platzhirsch syslog-ng. Letzterer war allerdings gerade dabei, sich in eine sehr kommerzielle "Ecke" zu bewegen, womit wesentliche Features einer modernen syslog-Implementierung für die Open-Source Gemeinde nicht mehr zur Verfügung gestanden hätten. Das zumindest war meine damalige Meinung, die ich heute immer noch vertrete, die aber natürlich nicht von allen geteilt wird (uns insbesondere nicht vom Hersteller von syslog-ng ;)). Aber auch diese Politik soll uns nur am Rande interessieren.

Fakt ist aber, dass mein kleines Projekt rsyslog wuchs und gedieh. Daran war natürlich auch der geschilderte politische Hintergrund nicht ganz unschuldig. Als erste große Distribution nahm dann Fedora rsyslog als Standard-Protokolldienst auf, bis heute sind fast alle wesentlichen Distributionen  (z.B. Debian oder Ubuntu) gefolgt. Natürlich schafft man solchen Erfolg nicht (nur) durch das politische Umfeld, sondern das Projekt muss auch etwas taugen. Von daher habe ich in den letzten Jahren recht fleißig daran gewerkelt, und wurde dankenswerterweise von Adiscon, meiner Firma, hierfür auch weitgehend freigestellt. Die Entwicklung gerade von Anfang 2008 bis Herbst 2009 war rasant.

Um so überraschter war ich, dass doch (im Verhältnis ;)) recht wenige Fehler gemeldet wurden. Dies liess mich seinerzeit schon vermuten, dass die vielen neuen Features nur von einem "erlauchten Kreis" eingesetzt wurden. Denn in der Tat hat rsyslog viele Features, die nur für große Institutionen tatsächlich erforderlich sind - dort dann aber dringlich. 

Mit der zunehmenden Verbreitung hat sich das aber doch gravierend geändert. Seit Herbst 2009 erhalte ich nun zunehmend Fehlermeldungen, gerade auch in komplexen Umgebungen. Solche "Bug-Reports" sind äußerst wichtig für einen Open-Source Entwickler. Schließlich steht den Wenigsten ein großes Qualitätssicherheitsteam zur Verfügung. Der Anwender selbst muss hier also mithelfen. Ein guter Fehlerreport ist sicher ein genau so großer Beitrag zu einem Open-Source-Projekt wie die Programmierung selbst!

Allerdings hat das ganze natürlich auch Schattenseiten. Die Harmlose ist ein gewisser persönlicher Frust: nach Tagen der Fehleranalyse fragt man sich, was man denn da eigentlich so vor sich hin programmiert hat... Das ist aber alles halb so wild, und man macht sich klar, dass die überaus meisten Installationen ja gar keine Probleme haben, und man so die letzten "fiesen Dinger" entfernen kann. Aber, was schlimmer ist: diese Fehlersuche, gerade in komplexen Fällen, kostet doch einges an Zeit.

Selbst wenn, was dankenswerterweise oft vorkommt, dem Fehlerreport schon ein Korrekturvorschlag beiliegt: auch der muss getestet und intergriert werden. Jetzt erst verstehe ich, warum die "Grossen" des Open Source Geschäfts alle unter der "Integrationsarbeit" leiden. Denn eines bleibt dabei leider erst einmal auf der Strecke: neue Features entwickeln. Und da die meisten Programmierer, mich eingeschlossen, im Herzen Spielkinder sind, entwickeln sie natürlich sehr viel lieber etwas Neues, als nur "dröge" das schon Vorhandene noch stabiler zu machen.

Aber auch da muss man wohl durch ;) Als nicht nur Nebeneffekt muss ich nur leider feststellen, dass auch die rsyslog-Entwicklung natürlich nicht mehr in dem Masse voran schreitet, wie sie es noch vor einem Jahr konnte. Da fehlt einfach ein wenig Zeit.

Im Endeffekt kann - und muss - man das alles aber natürlich positiv sehen: rsyslog verfügt schon über sehr, sehr viele Features, noch mehr davon brauchen nun wirklich nur noch Wenige. Da ist es sicher richtig und angeraten, absolute Stabilität auch in exotischen Sonderfällen ist der Entwicklung solch immens wenig geforderter Features sicherlich vorzuziehen.

Sie fragen sich so langsam, warum ich das alles schreibe? Nun, ich wollte einmal ein Stimmungsbild wiedergeben, und eine für mich zumindest sehr interessante Erfahrung: offensichtlich wird die Entwicklungsgeschwindigkeit einer Open-Source Software genau dann gebremst, wenn das Projekt sich so richtig durchzusetzen beginnt. Bei sehr großen Projekten mag das vielleicht nicht der Fall sein, weil man dort in hohem Masse neue Entwickler gewinnen kann (kann man wirklich? Und, falls ja: steigt nicht nur der Koordinierungsaufwand...?). Aber wer interessiert sich schon für logging ... und andere kleine Themen. Ich vermute fast, dass meine Erfahrung gar nicht so untypisch ist.

Es würde mich freuen, wenn hier jemand von eigenen (anderen / ähnlichen) Erfahrungen berichten kann.

Und seien Sie versichert: ich bin durchaus über den Erfolg von rsyslog erfreut, und lebe auch gerne mit den Schattenseiten - Sonne pur führt schließlich zum heftigen Sonnenbrand ;)



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