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Bildungsstreik, G8 und die alltägliche Unbedachtheit...

von Rainer Gerhards, 20. November 2009, 12:09

Der Bildungsstreik zeigt eindrucksvoll, wie sehr Studierenden, aber auch Schülern "das Wasser bis zum Halse steht". Aus aktuellem Anlass, und zugegebenermassen mit persönlichem Bezug, möchte ich hier einmal auf die alltägliche Unbedachtheit aufmerksam machen, die einem das Leben doch so unnötig verkomplizieren kann.

Als Vater muss ich leider feststellen, dass die G8-Einführung, nun, ein wenig überhastet war. Da, wo theoretisch Lehrpläne gestrafft werden sollten, wird praktisch das G9-Pensum einfach auf 8 Jahre verteilt, die Schüler entsprechend belastet. Nun sollte man meinen, dass die Schulen sich zumindest bemühen, die Situation so verträglich wie möglich zu machen. Das klappt auch meist - wenn da nicht immer wieder Situationen wären, die einen an der Motivation der Offiziellen zweifeln lassen...

Konkretes Beispiel: die Weihnachtsferien. Die beginnen in Baden-Württemberg am 23. Dezember. Wir werden dieses Jahr, wie sicherlich viele andere auch, in wärmere Gefilde fliegen. Und da ich kein Freund davon bin, "am letzten Schultag krank zu werden", haben wir in den saueren Apfel gebissen, und ohne Klagen den Preis für einen Flug am 23. Dezember gezahlt. Der 22te wäre sehr viel billiger gewesen.

Man mag sich mein Entsetzen vorstellen, als ich heute erfuhr, dass die Schule am Abend (!) des 22. Dezember ein Weihnachtskonzert gibt. Ich weiß nicht, werter Leser, ob Ihr Vor-Abreisetag ähnlich hektisch ist wie der meinige, aber eines ist sicher: einen Konzerttermin zu diesem Zeitpunkt ist so ziemlich das letzte, was ich brauchen kann. Und gleiches gilt für die Familie. Schlimmer dran sind noch ein paar Schulkameraden meines Sohnes: deren Familien haben eigentlich geplant, nach der Schule, also dann, wenn der "Normalmensch" für gewöhnlich meint, dass Ferien seien, in ebenjene zu fahren. 

Nun meint man, dass die Schule sicherlich Verständnis für solche, von ihr verursachte Terminnöte, hat. Doch weit gefehlt: da meint die Lehrkraft doch lapidar, das sei eine "Schulveranstaltung", somit Pflichtunterricht und man möge sich, wenn denn überhaupt, mit dem Schulleiter über eine Befreiung vom Untericht unterhalten.

Da blieb mir doch der Bissen fast im Halse stecken, als ich dies beim Mittagessen hörte. Muss so etwas wirklich sein? Soll ich jetzt wirklich zum Schulleiter gehen, um über eine Entbindung von der Schulpflicht am letzten Schultag zu bitten? Irgendwie ist das doch wohl eine verkehrte Welt - wer ist denn hier der Verursacher? 

Ich frage mich, wo der pädagogische Nutzen einer solchen Entscheidung liegt. Betrachten wir doch einmal ein wenig die Motivationslage. Was haben die Schüler gelernt? Zunächst einmal, dass es schlecht ist, sich an der Schule freiwillig (musikalisch) zu betätigen. Denn nur dadurch ist das Problem überhaupt entstanden. Die Stimmung bei den Betroffenen ist schlecht. Urlaub muss umgeplant werden, zumindest aber ist eine Abstimmung mit dem Schulleiter notwendig, und das in seiner Situation, die aus prinzipiellen Gründen nicht leicht lösbar ist (der letzte und erste Schultag sind ja, durchaus mit Recht, ein etwas heikles Thema...).

Die Stimmung bei den Eltern, wie man ja merkt, ist ebenfalls schlecht. Was im Übrigen nicht die Motivation fördert, sich für solch' eine Schulgemeinschaft einzusetzen.  Ich muss gestehen, dass ich mich hier persönlich mißachtet und zurück gesetzt fühle.

Diese Stimmungslage wird sich sicherlich auch auf das Konzert, nun eine sehr lästige Pflichtübung, auswirken. Ganz zu schweigen davon, dass wohl auch viele der potentiellen Besucher zu diesem Termin keine Zeit mehr haben und den jungen Musikaten somit nur noch ein vergleichsweise kleines Publikum lauscht. Auch nicht gerade motivierend.

Natürlich kann man das als kleinen "Patzer" werten, der für sich genommen der Entrüstung nicht Wert wäre. Aber leider habe ich den Eindruck, dass solche "Patzer" eigentlich nur Zeugen dafür sind, mit welcher Geringschätzung die "Offiziellen" die ihnen anvertrauten Personen doch behandeln. Das G8 ist meiner Meinung nach ein Beispiel auf hoher Ebene, aber auch in den Schulen vor Ort regiert - gelegentlich zumindest - "der ganz normale Wahnsinn".

Und so sehr ich mir Verbesserungen im Bildungssystem ganz Allgemein wünsche: viel wäre schon gewonnen, wenn die Institutionen vor Ort, im Kleinen, mit ein wenig mehr Aufmerksamkeit und Fingerspitzengefühl vorgehen würden. Im konkreten Fall: warum muss es denn der 22. Dezmeber sein? Wäre der 21. nicht ein sehr viel schönerer Konzerttermin gewesen? Im Großen, so denke ich, könnte die Motivation sowohl von Lehrenden als auch Lernenden, und damit der Erfolg, durch solche bedachtes Handeln sicherlich verbessert werden.

Das schöne an dieser Idee: man braucht keine "Großkopferten", um die Situation zu verbessern, sondern kann selbst "Hand anlegen". Aber genau darum ist diese Idee wohl auch so unpopulär...



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Kommentare

  1. ellen kein Betreff
    03.12.2009 | 21:07

    ganz klar: mit g8 sollte gespart werden und sonst nichts. alle angeblichen argumente die dafür angeführt wurden, waren vorgeschoben! es ist unglaublich unter wie großen druck schon achtklässler gesetzt werden und welchen stress sie empfinden! und zwar kinder im besten alter auf dem weg zu sich selbst!
    auch viele lehrer sind zu kritisieren, sie ziehen ihr unterrichtsding durch ohne rücksicht auf verluste, von denen hat noch keiner sein material irgendwie angepasst, es wird halt eben alles im turbogang in die kinderköpfe gequetscht...
    schade um eine verschenkte chance mal wieder... armes deutschland!

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