Twitter: Sie auch?
Was, Sie kennen Twitter noch nicht? Die neueste Errungenschaft des Internet-Hype. Das gibt es doch nicht - oder?
Dann lassen Sie es mich einmal kurz mit meinen Worten beschreiben. Stellen Sie sich vor, Sie stellen sich auf den Martkplatz einer beliebigen großen Stadt. Dort beginnen Sie, von morgens bis Abends Anekdoten aus Ihrem Leben - privat wie geschäftlich - heraus in die breite Menge zu schreien. Viele der Passanten werden sie ignorieren. Einige werden vielleicht kopfschüttelnd stehen bleiben, Ihnen eine Weile zuhören, und dann von dannen ziehen - sich wundernd, welche Verrücktheiten die Welt so alles zu bieten hat. Einige davon (die, die auch nie in ein McDonalds gehen) werden Abends Ihren Freunden von Verrücktheiten erzählen, die sie gehört haben. Wieder andere, die etwas mutigeren, werden vielleicht sogar gelegentlich zurück kommen, und Ihnen von Zeit zu Zeit zuhören - manche gar regelmässig. Einige wenige von denen werden Ihnen womöglich sogar antworten, so dass sich ein Dialog entspinnt - unterbrochen von Einwürfen anderer. Und eine gewisse Zahl wird vielleicht selbst ab und an in den Park hinein rufen, so dass sich eine rege aber sehr skurrile Diskussionslandschaft bildet.
Und da die Welt an Verrücktheiten nicht arm ist, kann es solche Plätze tatsächlich geben, so zum Beispiel den Speaker's Corner im Hyde Park - ganz physisch und real. In der virtuellen Welt, in der Regen den Redefluss nicht bremst, hat vor einiger Zeit Twitter einen solchen Platz geschaffen.
Der Vergleich mit Speaker's Corner ist durchaus angebracht. Auch auf Twitter kann Jeder über Alles reden - und dank Twitter Suchmaschine kann die ganze Welt mitlesen. Geschrieben werden dabei kurze Mitteilungen von maximal 140 Zeichen (damit man das auch per SMS machen kann...). Diese sogenannten Tweets sammeln sich dann in einem persönlichen "Stream", der zwar theoretisch auch nur ausgewählten Benutzern geöffnet werden kann, im Regelfall aber öffentlich ist. Schreiben kann man, worüber man möchte, und so findet sich unendlich viel Triviales und Belangloses auf Twitter. Besonders gerne werden übrigens Weblinks weiter gereicht, 140 Zeichen sind halt doch etwas wenig...
Ich klinge wenig freundlich? Stimmt... so recht konnte ich den Sinn von Twitter nie erkennen. Seit ein paar Wochen nutze ich es jetzt allerdings selbst - und bin erstaunt. Angefangen hatte alles mit dem Bedürfnis, den Fortgang von Problemanalyse-Arbeiten in meinem Open Source Projekt rsyslog zu dokumentieren. Ich kämpfte da mit einem sehr schwierig zu reproduzierenden Software-Bug und hatte in der Community erfreulicherweise einige Leute gefunden, die bei der Reproduktion des Fehlers und den Tests halfen. Da war natürlich Kommunikation angesagt. Email in kurzen Abständen war etwas unhandlich - wie schrieb ein Benutzer, der offensichtlich Emails auf dem Telefon empfing: ":-) I was wondering why my hip was rattling during the entire commute today." (nachdem ich diesen Satz las, und mir die U-Bahn-Fahrt bildlich vorstellte, musste ich mich erst einmal von einem Lachanfall erholen...). Das Blog war aber auch nicht wirklich gut. Viele Einzeiler als Blogpost... mhhh - und wie kann man bei Neuigkeiten benachrichtigen?
Da besann ich mich auf Twitter und dachte mir "gute Gelegenheit zum Testen". Und, siehe da, hilfreich war es - mit dem entsprechenden Client gibt es Benachrichtigungen, für kurze Meldungen ist es - in wahrstem Sinne des Wortes - geschaffen. Und ein setup-Aufwand entsteht auch nicht. Hier einmal ein Beispiel für einen solche Update (Twitter bietet leider noch keinen permalink auf "alte" Einträge, daher nur ein Beispiel).
Auch nachdem der Fehler in rsyslog gefunden war, probierte ich ein
wenig weiter mit Twitter. Ich beschäftige mich mit Protokollierung und
Auditierung. Wahrlich kein Mainstream-Thema. Da ist es sehr schwierig,
neue Kontakte außerhalb der "alten Zirkel" zu finden - aber natürlich
auch sehr interessant. Ich begann, mit Hilfe der Twitter Suchmaschine systematisch die Twittersphere (heißt das so?) zu durchforsten. Und tatsächlich - es taten sich immer wieder neue Anknüpfpunkte auf. Interessant
waren gerade die Beiträge, in dem über Protokollierung (und auch
rsyslog) geschimpft wurde - so etwas findet man sonst schwer. Selbst in
Blogs nicht. Und wie auf dem Marktplatz entspannt sich schnell ein
interessantes Gespräch. Obendrein kann man Twitter auch herrlich mißbrauchen, um für eigene Blog-Postings und ähnliches Werbung zu machen - und niemand nimmt es übel... Aber, natürlich, davor schrecke ich doch zurück - oder etwa nicht...? ;)
Klar, Twitter kann ein Zeitfresser sein. Und, noch viel kritischer (und einen eigenen Blog-Post wert): Twitter ist das endgültige Aus der Privatsphäre,
zumindest wenn man nicht sehr genau überlegt, was man denn da so in das
Web hineintippert. Das Tool ist mit großer Vorsicht zu genießen und
bietet erhebliches Mißbrauchspotential. Dennoch komme ich nicht umhin,
ein wenig mitzuhypen: Twitter ist in der Tat ein sehr interessantes
Werkzeug, auch wenn man erst im Laufe der Benutzung merkt, was man
damit eigentlich so alles machen kann.
Neben allem praktischen Nutzen fasziniert mich die Möglichkeit der mehr oder weniger direkten Kommunikation mit "allen Menschen"
(genauer: allen Twitter-Benutzern) weltweit. Wer, wie ich noch aus der
"Luftpost-Zeit" stammt, für den sind die Möglichkeiten dieses
Gedankenaustausches besonders faszinierend. Wie viele Woche zogen sich
doch damals Diskussionen, mit Zeitschriften und Leserbriefen
ausgetragen, hin, die heute "so nebenher" in wenigen Stunden
abgeschlossen sind. Von daher mochte ich heute einfach 'mal ein wenige
Begeisterung verbreiten und die dunklen Gedanken auf einen späteren
Zeitpunkt aufschieben ;)
Wenn Sie Twitter noch nicht kennen: werfen Sie doch einfach einmal einen Blick auf die Suchmaschine und lassen sich von dem Treiben dort erschrecken...
Wenn Sie es versucht haben - oder auch nicht - dann lassen Sie mich doch bitte wissen, was Sie von Twitter halten. Nutzen Sie die Kommentarfunktion (nein, es tut gar nicht weh, und man kann ja auch ein Pseudonym verwenden...). Mich würde ein Stimmungsbild wirklich sehr interessieren und ich denke, es ergeben sich bestimmt eine Reihe von Anhaltspunkten für weitere Gedankengänge.


